Fotos: Fabienne Bühler

Degu der Spitzenklasse. Manche Schweizer nennen ihn verniedlichend den «Glöggliwein». Den Namen hat der Château Angelus aus Saint-Émilion bekommen, weil auf dem Etikett eine stilisierte Glocke prangt. Dabei ist es ein Ausnahme-Bordeaux, von Parker regelmässig hoch benotet, weil er auffallend geschmeidig, aber zugleich aromatisch druckvoll auftritt. Ganze 14 unterschiedliche Abfüllungen des Châteaus wurden jüngst im «Einstein Gourmet» in St. Gallen für einen Degustationsabend der Spitzenklasse entkorkt, vierzig Gäste hatten die Chance dabei zu sein – «Angelus» wird auch in den kommenden Wochen in und ums «Einstein» seine Kreise ziehen. Grosses Bild oben: Zander mit Sauerkraut-Schaum / Anna Tkachenko von Château Angelus. 

Angelus Blanc – ausserhalb des Weinguts! Erstes Highlight des Abends im fünften Stock des Hotels war der Apéro! Zum ersten Mal überhaupt wurde der weisse Hauswein ausserhalb des Châteaus aufgetischt: Der «Angelus» Grand Vin Blanc 2021, aus Sémillon, Sauvignon Blanc und Chardonnay. Er verlässt in aller Regel das Weingut, das seit bald 250 Jahren in Familienbesitz ist, nie. Sebastian Zier und Richard Schmidtkonz, die beiden Küchenchefs mit 18 Punkten, tischten dazu eine superkräftige aufgeschäumte Bouillabaisse auf, dazu handgeschnittenes Kalbstatar mit Sour Cream auf Knusperbrot. 

Hotel Einstein St. Gallen, Wine Tasting Château Angélus, mit Anna Tkachenko-Marie, 18. März 2025, St. Gallen

Wird sonst nur auf dem Château ausgeschenkt: Angelus Blanc.

Gericht: Kalb | Sellerie | Haselnuss | Cassis | Trüffel Hotel Einstein St. Gallen, Wine Tasting Château Angélus, mit Anna Tkachenko-Marie, 18. März 2025, St. Gallen

Zu vier Jahrgängen Angelus gab's Kalb, Sellerie & Trüffeljus.  

Überwältigt war sogar die Gastgeberin. Charmant und in Englisch führte Anna Tkachenko durch den Abend. Sie ist europäische Exportchefin von «Angelus» und war immer wieder selbst von der hochkarätigen Weinauswahl des Abends überwältigt: «Sowas wie heute hat auch aus unserem Team noch niemand erlebt!» Möglich geworden war’s, weil nicht nur das Château, sondern auch die Weinhandlung Weinstein – Teil der Einstein-Familie – einige Abfüllungen zur Verfügung gestellt hatte. Nächstes Highlight: ein Flight mit vier Weinen des Hauses mit Jahrgang 2022, darunter natürlich aucn der renommierte Château Angelus. «Für mich der vielleicht beste Jahrgang, der je gemacht wurde», so Tkachenko. Auf dem Teller hierzu etwas Handfestes: hausgemachte Tagliatelle mit Pilzrahmsauce. Ein perfekter Boden, für all die Top-Weine, die noch kommen würden. 

Warme Gurken zu Bordeaux? Es folgte eine Serie mit drei Jahrgängen des Zweitweins «Carillon d’Angelus» (2012, 2016, 2019), die sich zwar bezüglich Rebsorten-Zusammensetzung unterscheiden – aber punkto kraftvollem Geschmacksprofil eindeutig dem Bordelais zuzuordnen waren. Da fragten sich konservative Geniesser kurzzeitig vielleicht schon, warum das Küchenteam rundum Zier und Schmidtkonz ausgerechnet Fisch dazu auftischen wollte. Die Zweifel verflogen bald, ansgesichts des Zanders aus dem Lago Maggiore, der mit Sauerkraut-Schaum, Linsen, etwas Meerrettich und, äusserst verblüffend, einem warmen Gurkensalat serviert wurden. Wer hatte die Idee mit den warmen Gurken? Die beiden Co-Chefs konnten sie daran nicht mehr genau erinnern – hatten aber sichtlich Freude daran, dass ihre etwas «vorsichtige» Version eines ihrer aktuellen Gerichte so viel Anklang fand. Und wunderbar mit dem Wein funktionierte. 

Hotel Einstein St. Gallen, Einstein Gourmet, Wine Tasting Château Angélus, mit Anna Tkachenko-Marie, 18. März 2025, St. Gallen, Küchtenteam Sebastian Zier, Executive Chef und Richard Schmidtkonz, Head Chef

Während bei den Gästen gegessen und getrunken wurde, hat man in der Küche geschuftet.

Viel Weinkompetenz: Sommelier Loris Lembo, Anna Tkachenko & Daniel Rechsteiner (Geschäftsführer «Weinstein»).

Viel Weinkompetenz: Sommelier Loris Lenzo, Anna Tkachenko & Daniel Rechsteiner (Geschäftsführer «Weinstein»).

Nicht ganz pflegeleicht: Cabernet Franc. Im folgenden strich Anna Tkachenko die Bedeutung des Cabernet Francs für Château Angelus heraus – gut die Hälfte aller Rebstöcke des Weinguts sind mit der als schwierig geltenden Sorte bestückt. «In der Jugend ist er wahrlich ein Bad Boy!», sagte die Französin. Erst mit zunehmender Reife treten die charakteristischen Menthol- und Olivennoten zu Tage, die dem fruchtigeren, weicheren Merlot in der Cuvée passend Gegensteuer geben. Allerdings auch nur, so führte die Fachfrau aus, wenn die Rebstöcke schon einige Jahre auf dem Buckel hätten und von bestem Terroir profitieren. Was sie meinte, zeigte der nächste Flight, ein weiterer Höhepunkt des Abends: Angelus in den Jahrgängen 1995, 2003 (Magnum), 2014 und 2019. Dazu kamen Kalbsmilken, -bäckchen, Trüffel-Cassis-Jus, Sellerie und caramelisierte Rosenkohlcreme auf den Tisch. Man konnte wunderbar zwischen den Weinen und den Zutaten des Gerichts hin und herwechseln. Danach wurde rege (und über die Tische hinweg) diskutiert, ob denn nun der dreisssigjährige, noch putzmuntere 1995er oder der alles andere als marmeladige 2003er besser gemundet hatte. 

Schmidtkonz & Zier

Wer wollte warme Gurken? Starchefs Richard Schmidtkonz & Sebastian Zier (v.l.).

Dessert mit schwarzen Oliven, Vanille, Quarkglace & Himbeere.

Dessert zur «Hommage 2020» mit Oliven, Vanille, Quarkglace & Himbeere.

Hotel Einstein St. Gallen, Wine Tasting Château Angélus, mit Anna Tkachenko-Marie, 18. März 2025, St. Gallen

Bringt mit viel Verve den Gästen die Sorte Cabernet Franc näher: Anna Tkachenko.

«Hommage 2020» – mit Oliven-Dessert! Ihren letzten Trumpf hatte Anna Tkachenko da noch gar nicht gespielt: Ins Glas kam nun der «Hommage à Elisabeth Bouchet 2020», ein 100-prozentiger Cabernet Franc, der seit 2016 nur in allerbesten Jahren produziert wird. Ihn entkorkt im Bordelais eigentlich immer (und auch dies sehr selten) die Chefin des Guts, Stéphanie de Boüard-Rivoal. Zu diesem exzeptionellen Tropfen gab’s im «Einstein Gourmet» eine raffinierte Komposition aus Himbeergel, Vanillecreme, Quarkglace, Olivenöl, Sesamcracker – und dehydrierten, gezuckerten schwarzen Oliven. Und gerade letztere schmiegten sich wunderbar an den grossartigen Wein, dem man gerne in 10, 15 Jahren nochmals begegnen möchte. Am Schluss blieb bei allen Gästen die Frage, wann denn nächstes Mal eine Degustation mit so tollen Speisen begleitet würde. Oder, andersrum gesagt, ein Abendessen mit so aussergewöhnlichen Weinen. 

 

>> Ausgesuchte Weine von «Angelus» werden in den kommenden Wochen in den Restaurants und der Bar des Hotel Einstein in St. Gallen (auch offen) ausgeschenkt. Zudem bietet die benachbarte Weinhandlung Weinstein ein gutes Dutzend Jahrgänge des Château Angelus an, auch in Magnum- und Doppelmagnumformaten.