Text: Max Fischer I Fotos: Fabienne Bühler

Die Wohlfühloase. Die «Neue Blumenau» in Lömmenschwil SG ist eine Wohlfühloase im Dreieck St. Gallen, Rorschach, Amriswil. Es ist das Reich von Bernadette «Lisi» Lisibach. Ausser Sonntag und Montag ist sie täglich von morgens früh bis nach Mitternacht im Einsatz. «Ich geniesse es, im Alltag ein paar Minuten hinaus ins Grüne zu schauen. Auf ein Blatt, einen Vogel.» Gern lädt sie auch Freunde und Bekannte ein: «Das ist für mich Entspannung. Das Gelage dauert dann von mittags bis in den frühen Abend. Ich koche, esse mit den Gästen, koche.» Ihr Wohlfühlessen? «Etwas Einfaches: Rösti, Spiegelei mit Brot. «Wichtig ist die Qualität.»

Bild oben: «Lisi» Lisibach in ihrem Wohnzimmer über dem Restaurant in Lömmenschwil SG.

Bernadette Lisibach, macht Essen glücklich?

Ganz sicher. Man isst zusammen mit Menschen, die einem Spass und Freude bereiten, kann sich austauschen, runterfahren und hat eine gute Zeit miteinander.

 

Bei Ihnen dreht sich fast alles ums Essen: Sie müssen der glücklichste Mensch auf Erden sein.

Wenn es ums Essen geht und ich in der Küche arbeite, bin ich wirklich sehr, sehr glücklich.

Bernadette Lisibach Neue Blumenau

Das Reich von Bernadette «Lisi» Lisibach, Wohlfühloase «Neue Blumenau» in Lömmenschwil SG.

Kochen Sie an Ruhetagen auch noch zu Hause?

Ich lade gerne Freunde und Bekannte ein. Das ist für mich Entspannung. Das Gelage dauert dann von mittags bis in den frühen Abend. Ich koche, esse mit den Gästen, koche. Ich esse auch gerne etwas Einfaches: Rösti, Spiegelei mit Brot. Wichtig ist die Qualität.

 

Wir haben Kriege in Gaza und in der Ukraine, US-Präsident Donald Trump sorgt für Unruhe, Deutschland steckt in der Krise. Darf man in solch schwierigen Zeiten nach Herzenslust schlemmen?

Man muss! Wenn rundherum alles drunter und drüber geht, müssen sich die Menschen Zeit für schöne Sachen wie ein feines Essen nehmen, um das Negative eine Zeit lang auszublenden.

 

Das neue Buch des israelisch-britischen Kochs und Bestsellerautors Yotam Ottolenghi heisst «Comfort». Es geht um Geborgenheit, um Home-Feeling.

Die Menschen wollen und müssen abschalten. Essen kann für einen Augenblick ein Wohlgefühl erzeugen. Wir in der «Neuen Blumenau» haben so viel Spass mit unseren wunderbaren Produkten. Wir haben es in der Hand, unseren Gästen eine unvergleichliche Atmosphäre zu bieten. Nach zwei, drei Stunden sollen diese sagen: Ich hatte ein Zeitfenster, in dem es nur um das Schöne ging. Ich hatte einen guten Moment. Ich musste nichts machen, konnte mich nur auf mein Gegenüber einlassen und geniessen. Das ist es, was Kraft gibt für den Alltag.

 

Sie betonen die Bedeutung des Essens. Doch gehen wir viel zu nachlässig mit unseren Lebensmitteln um: In der Schweiz schmeissen wir jedes Jahr 2,8 Millionen Tonnen weg, das sind 330 Kilo pro Person.

Wir verwerten bei uns alles bis zum Letzten. Auch aus Respekt vor dem Tier und der Natur. Unser Abfall ist sehr minim. Mir ist wichtig, dass die Teller, die vom Gast zurückkommen, leer gegessen sind. Ich sensibilisiere meine Leute: Ich sage ihnen, dass das Rüebli nicht nur aus dem Mittelteil besteht und sie nicht links und rechts je einen Zentimeter abhauen müssen.

 

Zwingen uns Haltbarkeitsdaten zum Wegwerfen?

Wir haben einen hohen Standard, das ist toll. Aber wir haben verlernt, auf unsere Sinne zu achten. Wir müssen wieder lernen, ein Produkt anzuschauen, daran zu riechen – und dann zu entscheiden, was wir damit machen. Wir leben auch widersprüchlich: Wir reisen in exotische Länder, essen dort ein Stück Fleisch, das im Freien lag, geniessen und akzeptieren es.

 

Haben wir zu wenig Kenntnisse über Nahrungsmittel?

Wenn man einen Supermarkt betritt, lockt eine Vielfalt von Nahrungsmitteln. Früchte und Gemüse sind, unabhängig von ihrer Saison, das ganze Jahr erhältlich. Ein Grossteil der Produkte ist vor- und fertigfabriziert. Weil niemand länger als 15 Minuten in der Küche stehen will, ist das praktisch.

Bernadette Lisibach, Sterneköchin

Bernadette Lisibach weiss die Natur zu schätzen. Und auf diese Weise den Produkten ihren Wert zu geben.

Der falsche Ansatz?

Wir müssen uns mehr Zeit nehmen. Es ist keine verlorene Zeit. Im Gegenteil: Wenn wir nur auf schnell, schnell und auf unser Google-Gehirn setzen, verlieren wir die Menschen um uns. Dabei tut uns das Zusammensein mit andern in der Natur oder beim Essen sehr, sehr gut. Das trägt uns.

 

Aber nach einem langen Arbeitstag noch lange in der Küche stehen …

… kann entspannen. Man kann abschalten. Zu zweit kochen, kochen zusammen mit den Kindern: Das macht Spass, ist besser und gesünder als ein Fertiggericht.

 

Erwerbstätige haben kaum Zeit für einen Marktbesuch.

Die Leute müssen nur raus in die Natur, beispielsweise in den Wald. Da entdecken sie so vieles, das sie mitnehmen können. Auch das können sie zu zweit oder mit Kind und Hund machen. Es macht Spass, ist entspannend und kostet nichts.

 

Sind unsere Lebensmittel zu billig? Ende des 19. Jahrhunderts gaben wir über 60 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel aus, jetzt sind es noch 10 Prozent.

Es geht nicht darum, Lebensmitteln mit einem höheren Preis einen höheren Wert zu geben. Wir müssen uns stärker nach der Natur richten und die Vielfalt pflegen. Und auf diese Weise den Produkten ihren Wert geben. Es geht aber auch darum, dass man beispielsweise beim Fleisch aus einem Zweitklassstück ein gefreutes Essen machen kann. Das ist Wertschätzung gegenüber dem Tier, gegenüber der Natur. Jedes Tier, jede Pflanze hat ihre Berechtigung.

Bernadette Lisibach, Sterneköchin, «Neue Blumenau», Lömmenschwil SG, 17 Punkte, 16. März, Lömmenschwil SG

Bernadette Lisibach rät: «Die Leute sollen raus in die Natur, in den Wald, um Neues zu entdecken, das entspannt.»

Sie haben in der Klinik St. Anna in Luzern das Kochen gelernt.

Der Bauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin, war meine Grundbasis. Ich genoss dann die Zeit im Spital. In der Ausbildung gab es Platz für Menschen mit einer Beeinträchtigung. Das regte mich früh an, mir Gedanken über unsere Werte zu machen. Über unser Verhältnis zur Natur und zu unseren Nahrungsmitteln.

 

Da ist der Weg in die Spitzengastronomie überraschend.

Ich wollte die andere Seite kennenlernen, hörte so viel von meinen Berufskollegen. Das flexible Handeln in der Küche, das Spontane, an meine Grenzen zu gehen, immer noch etwas mehr zu versuchen, die Wissbegierde – das ist für mich der Reiz in der Spitzengastronomie.

 

Sergio Ermotti, Chef der UBS, erhält knapp 15 Millionen Lohn. Ärgern Sie sich über die Höhe – oder freuen Sie sich über solch zahlungskräftige Gäste?

Bei uns ist jeder Gast willkommen. Die Einkommen anderer werte ich nicht. Ich konzentriere mich auf meinen Betrieb. Und wenn ich auf meine 13 Jahre hier in der «Neuen Blumenau» zurückblicke, so habe ich nicht alles falsch gemacht. Und ganz wichtig: Ein Essen bei uns ist ein Rundum-Wohlfühl-Paket. Wenn ich ein Konzert, einen Sportanlass oder das Opernhaus besuche, kosten Ticket und Verpflegung etwa gleich viel.

 

Sie sind in Ihrem Beruf überglücklich. Womit könnte man Ihnen noch eine Freude bereiten?

Ich bin ein riesiger Sportfan. Ich schaue, dass ich jede Saison ein paarmal auf die Ski kann. Ich bin auch begeisterte TV-Sportlerin. Mit Roger Federer und Marco Odermatt habe ich schon unzählige Male mitgefiebert – wenn ich für die beiden in der «Neuen Blumenau» kochen könnte, wäre das für mich das Grösste! Dann wäre ich schon ein bitzeli nervös …, aber happy!

>> Bernadette «Lisi» Lisibach, 50, zählt zu den besten Köchinnen der Schweiz. Sie führt in Lömmenschwil SG seit 13 Jahren die «Neue Blumenau» (17 GaultMillau-Punkte, 1 Michelin-Stern). Ihr «Chefins-Menü» mit fünf Gängen kostet 160 Franken, mit Weinbegleitung 224 Franken.

 

www.neueblumenau.ch