Fotos: Nik Hunger

Frühling in der Bündner Herrschaft. Bei vielen Traubensorten ist der Fall eindeutig: Kräftiger Cabernet Sauvignon und samtiger Merlot kommen allermeistens in Barriques, spritziger Müller-Thurgau ziemlich sicher nicht. Bemerkenswerterweise fehlt eine einheitliche Stossrichtung bei der wichtigsten Rotweinsorte im ganzen Land: dem Pinot Noir. Viele Winzer haben eine Version aus dem kleinen Holzfass im Angebot, oft «Réserve» oder «Sélection» genannt. Daneben gibt es im Sortiment aber meist auch eine, vermeintlich einfachere, Version aus dem Stahltank. Warum ist das so? Dies fragt man am besten in einer der grossen Pinot-Noir-Hochburgen der Schweiz nach, der Bündner Herrschaft. Schon bald ist man in einem packenden Gespräch mit dem Team des Bio-Weinguts Liesch in Malans GR, also mit Ueli Liesch, seinem Bruder Jürg und dessen Ehefrau Kornelia. Typisch fürs Tal, das für seinen Föhn bekannt ist: Draussen hat in der ersten Märzhälfte bereits der Frühling Einzug gehalten. Ein Aprikosenstrauch am Kellereigebäude ist in voller Blüte, Osterglocken schaukeln im Wind. 

Liesch Weinbau, Malans, Jürg Liesch im Holzfass Keller

Jürg Liesch sieht nach den Barriques.

Liesch Weinbau, Malans, Kornelia Liesch am Verpacken

Macht die Administration: Kornelia Liesch.

Liesch Weinbau, Malans, Ueli Liesch

Ueli Liesch in den Reben.

Barrique für höhere Wertschöpfung. Ueli Liesch nennt zuallererst historische Gründe für die beiden Pinot-Varianten. Bis in die Neunzigerjahre fanden Barriques hierzulande, so kann er sich erinnern, kaum Verwendung. Üblich waren Stahltanks oder grosse Fässer, um den Wein zu vinifizieren. «Thomas Donatsch war dann der grosse Barrique-Pionier für Pinot Noir.» Er habe begonnen, seine Weine nach burgundischem Vorbild in 225-Liter-Behältnissen aus Eichenholz reifen zu lassen. «Und erhoffte sich damit wohl auch eine höhere Wertschöpfung – einen Pinot ohne Barrique, der für über 25 Franken verkauft wird, gibt es meines Wissens bis heute in der Region nicht.» 

Nicht alle Kunden waren begeistert. Bei den Lieschs sind gut zwei Drittel der 6,7 Hektar biologisch bewirtschafteten Rebfläche – alle auf dem gleichen durchlässigen Boden aus Ton, Silt, Sand und Bündner Schiefer – mit Pinot Noir bestückt. Und so ging auch die Weinbaufamilie damals allmählich dazu über, einen Teil des Traubenguts nach der Pressung in Barriques auszubauen. «Als mein Bruder und ich das Weingut übernahmen, hatten wir allerdings eine eher traditionell eingestellte Kundschaft. Nicht alle hatten Freude am neuen Weinstil», erinnert sich Jürg Liesch. Und heute? «Wir verkaufen sowohl den Tradiziun aus dem Stahltank als auch den Poesia aus dem Barrique gut», sagt Kornelia Liesch, die für die Administration zuständig ist und die Zahlen am besten kennt. 

Bündner Herrschaft: Fön lässt den Frühling früher aufziehen.

Bündner Herrschaft: Föhn lässt den Frühling früher aufziehen.

Was Bio angeht, sind sich die Brüder einig. Und wie teilen sich die beiden Brüder ihre Arbeit? «Wir sind zu klein, als dass einer von uns im Keller sitzen und Däumchen drehen könnte, während der andere im Weinberg schuftet», stellt Ueli Liesch klar. «Und umgekehrt ist es dasselbe.»,  Klar, jeder habe so seine Tätigkeiten, die er besser im Griff hat als der Bruder – und darum häufiger mache. Also nie grösseren Streit gehabt? «Dass wir nach dreissig Jahren noch zusammenarbeiten, sagt doch alles», findet Jürg Liesch mit einem Augenzwinkern. Wobei sie dann schon gestehen, dass es früher hin und wieder mal laut zu und her ging. «Es sind halt immer mindestens zwei Meinungen am Tisch.» Einig waren sie sich bezüglich der Umstellung auf Bio, die vor drei Jahren abgeschlossen worden ist: «Wir wollten definitiv weg von Kunstdünger und Chemie – das ist eine Sackgasse!» Ihrer Meinung nach verlieren die verwendeten Mittel im konventionellen Anbau zunehmend an Wirkung, da fehle es an Innovation. Und der nächste grosse Schritt auf dem Gut? Da bei den Winzerbrüdern das Pensionsalter näher kommt, regeln sie zurzeit ihre Nachfolge. «Als Winzer, der in Jahren denkt, kann man da nicht bis zum letzten Augenblick damit warten.» 

Liesch Weinbau, Malans, Pinot Noir Barrique oder Classic

Barrique oder nicht? – Das ist hier die Frage.

Liesch Weinbau, Malans, Jürg (l) und Ueli Liesch

Nicht immer einer Meinung, aber am Ende einig: Gebrüder Liesch.

Plädoyer für den Stahltank. Doch zurück zum Pinot Noir – Barrique oder nicht? Das Gespräch kommt auf Gantenbein und Studach zu sprechen, zwei grosse Winzernamen, die ihren Pinot Noir ausschliesslich im Barrique ausbauen. Und damit ungeheuren Erfolg haben. Wieso also bei Lieschs weiterhin beide Varianten? Es ist der Moment, wo die Brüder beinahe zum Plädoyer für Pinot Noir aus dem Stahltank ansetzen: «Der Wein ist saftig, fruchtig, aromatisch», sagt Ueli Liesch. «Es ist schade, dass der einfache Pinot Noir, gerade in der Fachpresse, oft unter dem Radar läuft.» Und Jürg Liesch ergänzt: «Barrique bringt zwar Struktur in den Wein, aber das ist halt meistens auf Kosten der Frucht.»  

 

Mehr Bio im Glas! 

Ein lebendiger Rebberg mit kräftigen, widerstandsfähigen Reben und einem gesunden Boden ist die Grundlage für feine Knospe-Weine. Bereits über 580 Winzerinnen und Winzer produzieren in der Schweiz Bioweine. Sie verzichten auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger. Auch viele Top-Winzer bekennen sich zu Bio und Biodynamie.

Mehr Infos: www.biosuisse.ch

 

Mittelding «Armonia». Vielleicht müsste man sich überlegen, analog zum Sauvignon Blanc, je einen Teil im Barrique, einen Teil im Stahltank zu vinifizieren und dann zu assemblieren? Einen Moment lang sind sie dieser Idee nicht abgeneigt – verweisen dann aber auf ihren Pinot Noir «Armonia», der in gebrauchten Barriques ausgebaut wird. Gewissermassen das Mittelding, man könnte von einem «Kompromisswein» sprechen. Es ist am Ende nachvollziehbar, dass keiner der Brüder auf die Frage, welchen Pinot Noir sie denn lieber trinken, eine klare Antwort gibt. Was Ueli Liesch zuletzt doch noch zugibt: «Wir öffnen von unseren Weinen häufiger mal einen mit Barrique. Ausser natürlich, wenn es ein Bündner Plättli oder Spaghetti mit Tomatensauce gibt.» 

>> www.liesch-weine.ch